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Bertrand Louart, ITER oder die Fabrik des Absoluten, 2006

Am 28. Juni 2005 beschlossen die Großmächte (Europäische Union, USA, Japan, Südkorea, Russische Föderation, China und Indien), dass das Projekt ITER [1] in Cadarache in Südfrankreich angesiedelt würde.

Am 26. Januar 2006 störten Atomkraftgegner die erste einer Reihe von öffentlichen Debatten zu diesem Thema in Aix-en-Provence. Dem Sprecher der Vereinigung «Sortir du nucléaire» (in etwa: «Weg von der Atomkraft!») zufolge ist die öffentliche Debatte über ITER eine Farce, weil alle wichtigen Entscheidungen bereits getroffen sind. Wir beginnen in dieser Nummer eine Reihe von Artikeln über dieses Projekt.

Während langer Zeit haben Wissenschaftler versucht, ein Perpetuum mobile zu bauen, das heisst eine Maschine, die sich bewegt, ohne dafür Energie zu verbrauchen. Manche glaubten sogar, diese könne aus dem Nichts heraus Energie produzieren. Im 19. Jahrhundert, nach der Erfindung der Dampfmaschine, entdeckte Sadi Carnot das Prinzip der Thermodynamik. Er bewies, dass jede Dauerbewegung eine physikalische Unmöglichkeit ist.

Erstes Prinzip: Innerhalb jedes Systems oder jeder Maschine wird Energie konserviert, ihre Menge bleibt konstant, das heisst, dass nicht mehr Energie produziert als verbraucht werden kann.

Zweites Prinzip: Innerhalb jedes Systems oder jeder Maschine wird Energie umgewandelt, ein Teil geht dabei verloren. Sie geht spontan von konzentrierten Formen in diffusere, unorganisiertere Formen über (Reibung, Lecks, Hitzeverlust etc.). Der Wirkungsgrad ist das Verhältnis zwischen dem Energieaufwand und der tatsächlich geleisteten Arbeit. Die Entropie misst die Tendenz der nützlichen Energie, in verlorene Energie überzugehen.

Albert Einstein zeigte im 20. Jahrhundert die Beziehung zwischen Materie und Energie auf (die berühmte Formel E=mc2). Seither glauben die Physiker wieder, sie könnten aus dem Nichts oder fast Nichts heraus Energie produzieren. Diese Wissenschaftler haben offenbar immer noch nicht begriffen, was Entropie bedeutet. Letztere hat jedoch gewisse Wirkungen, und eben nicht nur im abstrakten und konzeptuellen Bereich der Physik.

Energie ohne Ende?

Die Forschung über die Atombombe stellt zweifellos den Ursprung der Atomindustrie dar und letztere wiederum ermöglicht die Herstellung und den Unterhalt von Atomwaffen. Während des Zweiten Weltkriegs führte die Existenz von totalitären Regimes und der Kampf gegen deren Hegemonie zu einem zügellosen Machtkampf zwischen den grossen Industrienationen. Von politischer Macht, welche durch die Mobilisierung der Massen für gewisse, sehr fragwürdige Ideologien erreicht wurde, gingen die Staaten zu einer unbestimmten Akkumulierung von wirtschaftlicher und technologischer Macht über. Dies führte sofort zu Terror, Auslöschung ganzer Bevölkerungen und zu intensiver Ausbeutung von Mensch und Natur. So beendeten die Nationen der «freien Welt», welche sich zuvor über die Zerstörung von Guernica durch die deutsche Luftwaffe entsetzt hatten, den Krieg, indem sie ganze Städte in Deutschland und in Japan von der Landkarte fegten. Von da an wurden politische Fragen und soziale Probleme immer mehr von der technischen Seite und im Hinblick auf wirtschaftliche Effizienz angegangen. Sofort nach den Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki versprach die auf Kernspaltung beruhende Nuklearindustrie einen billigen und völlig ungefährlichen Überfluss an Energie.

Die Erfinder der Wasserstoffbombe – vielleicht, um die Abscheulichkeit ihres Tuns vergessen zu machen – sagten das Gelingen der thermonuklearen Fusion für in 50 Jahren voraus, also für heute, und Energie in uneingeschränkter Menge, kostenlos, sauber und noch ungefährlicher. Die Menschheit würde also von Fortschritt zu Fortschritt eilen, hinein in eine strahlende Zukunft. Man kann sich heute nur noch schwer den technologisch-wissenschaftlichen

Enthusiasmus vorstellen, der nach dem Zweiten Weltkrieg herrschte und der vom Beginn des Kalten Krieges nur ganz wenig gedämpft wurde. Man muss nur die Ausgaben einer Zeitschrift wie Science & Vie (Wissenschaft und Leben) aus den 1950er Jahren durchblättern, um sich davon zu überzeugen. Die Nummer 486 aus dem Jahre 1958 zum Beispiel macht ihren Lesern die wahnwitzigsten Perspektiven einer Klimaveränderung oder die Terrassierung von Bergen mit Hilfe von Atombomben schmackhaft, ohne den geringsten Ansatz von Kritik und mit einer unglaublichen Geringschätzung gegenüber dem Leben. In derselben Nummer kann man von einem Unfall in dem englischen Atomkraftwerk Windscale lesen, (das vor 20 Jahren in Sellafield umbenannt wurde, um die Erinnerung daran auszulöschen), bei dem die radioaktiven Emissionen die Bevölkerung und die Tiere der Umgebung kontaminiert hatten. Doch der Journalist geht über diese Details hinweg, um sofort vom Versuch zu schwärmen, Tritium für die Nuklearfusion herzustellen, welche uns Überfluss und Glückseligkeit bringen würde.

Radioaktive Abfälle

Nach über 50 Jahren sehen wir nun die Ergebnisse der Verheissungen von damals. Wie konnte man nur glauben, dass man alles für nichts haben könnte? Jeder Energieverbrauch führt zu Entropie, das heisst, dass sich ein Teil der für einen bestimmten Zweck produzierten Energie auf unkrontrollierbare Weise verflüchtigt. So gibt es neben der für positive Zwecke eingesetzten Energie – wie für die Produktion von Elektrizität – einen proportional wohl geringeren, aber in absoluten Werten ebenso bedeutenden Teil, der negative Folgen hat und Schaden anrichtet.

Auf Grund welchen Wunders oder welcher übernatürlichen Kräfte sollte ausgerechnet die Atomindustrie sich dem zweiten Prinzip der Thermodynamik entziehen können?

Nach 50 Jahren Atomversuchen in der Atmosphäre, verschiedenen Unfällen «ohne schwerwiegende Folgen», der Ansammlung von radioaktiven Abfällen und einer Katastrophe wie derjenigen von Tschernobyl, ist die Radioaktivität doppelt so hoch wie die natürliche Radioaktivität vor der Nuklearära.

In 50 Jahren hat sich langlebiger Atommüll akkumuliert. Die Befürworter der Atomenergie relativieren die Gefahren mit dem Argument, dass es weit mehr Todesopfer aufgrund von Autounfällen gäbe und dass das Auto dennoch nicht mehr Angst oder Kritik bei der Bevölkerung hervorriefe. Um solche Argumente unserer-seits zu relativieren, erinnern wir daran, dass das Plutonium, von dem ein Atomreaktor etwa 3 kg pro Jahr produziert und das zur Herstellung der Wasserstoffbombe dient, eines der gefährlichsten Elemente ist, die es gibt, und dass sein halbes Leben (die Zeit, die es braucht, um die Hälfte seiner Radioaktivität zu verlieren) 24.000 Jahre beträgt. Die zukünftigen Generationen werden mit dieser Radioaktivität umgehen und die Krebsarten bekämpfen müssen, die durch sie verursacht werden.

Noch nie war eine Zivilisation imstande, die Zukunft derart mit Hypotheken zu belasten und in so kurzer Zeit: Nur ca. 50 Jahre Produktion von Elektrizität gegen eine Ewigkeit radioaktiver Abfälle. Offenbar ist die Entropie schlussend-lich das Hauptprodukt dieser Industrie! Trotz alledem geistert das Gespenst vom nuklearen Perpetuum mobile weiterhin in den Köpfen der Wissenschaftler herum; Beweis dafür ist das Projekt ITER.

Die Quadratur des Kreises

Wie die gesamte Nuklearindustrie ist auch ITER eine Maschine zur Herstellung des Absoluten. Die Forscher und Techniker arbeiten an absoluten physikalischen Konzepten, die theoretisch alles möglich machen. Dieses Streben nach operationellem Wissen ist die neueste Ausdrucksform des Strebens nach Allmacht. Sie wollen die Grundlagen der Funktionsweise des Universums beherrschen, um mit seinen Gesetzen nach Belieben umzugehen und endlich die Stelle des Schöpfers und Beherrschers dieses Universums einzunehmen.

Mit Hilfe dieser Maschinen suchen die Ingenieure nach dem Stein der Weisen der Physik, um Materie in pure Energie zu verwandeln. Wir kennen bereits die Folgen der Kernspaltung. Mit der Fusion geht es um nichts weniger, als auf der Erde die Bedingungen herzustellen, welche die nuklearen Reaktionen auf der Sonne auslösen.Es müssen intensive Magnetfelder geschaffen werden, um das Plasma zu fixieren, das heisst die Erhitzung des Tritiums auf extreme Temperaturen unter Hochdruck und gleichzeitig im Vakuum. Die starken Magneten, welche diese Fixierung ermöglichen, müssen selbst durch Flüssigkeiten nahe dem absoluten Nullpunkt gekühlt werden. Extreme, gegensätzliche Bedingungen aufrechtzuerhalten in Bezug auf Temperatur, Druck und elektrischer Polarisierung und noch dazu unter einem Neutronenregen, erfordert viel Energie. Diese Konzentrierung von Widersprüchen erinnert an die Suche nach der Quadratur des Kreises.

Unglücklicherweise findet diese mystisch-technologische Forschung auf der Erde und nicht nur im Himmel der physikalischen Abstraktionen statt. Die Situation auf der Erde ist eine für die Physiker unbedeutende Quelle der Entropie, denn sie kennen nur ihren Himmel und leben nur dort – außer vielleicht zu den Mahlzeiten oder am Zahltag. Bewegungen wie «Sauvons la recherche!» (Rettet die Forschung!) unterstützen sie dabei, weil sie keinen Augenblick lang nach den reellen Folgen dieser Forschung auf die Gesellschaft fragen.

Stellen wir uns einmal vor, ITER würde funktionieren, und wir hätten tatsächlich Energie im Überfluss für fast nichts und beinahe keine Abfälle, dass also alle Verheissungen der technologisch-wissenschaftlichen Propaganda in Erfüllung gingen. Dies wäre wohl die größte Katastrophe aller Zeiten. Es gäbe nichts Schlimmeres für die Zukunft der Menschen und das Leben auf der Erde.

Was ist Energie außer Macht über die Materie? Und diese Materie ist nichts anderes als die Substanz der Welt: ihr und ich, die Natur, in der wir leben, und die Grundlagen des Lebens an sich. Energie ist letztendlich die Fähigkeit, die Welt zu verändern.

Wenn ITER die Nuklearfusion gelingt, wer waltet dann über die enorme produzierte Energiemenge? Das sind natürlich weder Sie noch ich, sondern in erster Linie der Staat und die Industrie, die Milliarden von Euros in dieses Projekt gesteckt haben. Und was werden diese dann mit der grenzenlosen Energie anfangen, die ihnen plötzlich zur Verfügung steht? Kann man auch nur einen Augenblick lang glauben, dass sie in Zukunft die Energie vernünftiger und sorgsamer als bisher nutzen werden? Man sieht sie schon konfrontiert mit den Problemen der nuklearen oder chemischen Verschmutzung, den Umweltschäden, dem Klimawechsel und den ausgehenden natürlichen Energieressourcen. Die Verweigerung, diesen Tatsachen ins Auge zu blicken, und eine Flucht nach vorn sind ihre einzige Antwort. Die seltenen Geistesblitze gewisser Staatsmänner («Das Haus steht in Flammen, und wir schauen weg», Äußerung von Jacques Chirac auf dem Umweltgipfel 2002 in Johannesburg) zeigen nur ihre Ohnmacht in Anbetracht der unerbittlichen Logik einer Maschinerie, deren maßlose Ansprüche und katastrophale Folgen sie entsprechend einer «sozialen Akzeptanz» nicht mehr als verwalten können.

Zudem sehen wir seit mehr als einem Jahrhundert, wie die kapitalistische und industrielle Wirtschaft – mit Unterstützung der Staaten – die Welt verändert hat, indem sie schrankenlos Energieressourcen wie Kohle, Gas, Erdöl und Uran ausbeutete. Diese Energie kostete nur den Förderungspreis, die Verarbeitung und den Transport zu den Verbraucherorten. Während langer Zeit und selbst noch heute, kostete das nicht allzu viel, aber immer noch zu viel für eine Ökonomie, die auf einer beschleunigten Warenzirkulation beruht. Dies bedeutet einen unerträglichen Zwang, eine inakzeptable Einschränkung der weltweiten wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit. Wenn die Staaten und Großindustriellen endlich über grenzenlose Energie verfügen, werden sie diese auf die gleiche Art und Weise nutzen, wie sie es bereits in den letzten 50 Jahren getan haben: Die Logik einer abstrakten Energieanhäufung, die diesen exzessiven Strukturen eigen ist, nimmt einen neuen Aufschwung, alle zerstörerischen Tendenzen, die wir seit Beginn des Atomzeitalters erleben konnten, werden einen neuen Höhepunkt erreichen. Diese großen Apparate wären also energiemäßig völlig autonom – bisher hielten Natur und Gesellschaft so gut wie möglich (und schlussendlich immer schlechter) Ehrgeiz und Vermessenheit im Zaume. Nichts würde sie mehr hemmen, die Welt zu verändern, das heißt die Natur und den Menschen auszubeuten, zu beherrschen und unwiderruflich zu zerstören. ITER wäre also tatsächlich eine Fabrik des Kapitalismus und des Staates in ihrer absoluten Form, mit anderen Worten völlig totalitär (siehe Buchbesprechung).

ITER gehört zu jener Art von technischen Lösungen, die politische, soziale und ökologische Probleme mit sich bringen: Anstatt die unüberwindlichen Hindernisse, welche der Industriegesellschaft innewohnen, anzuerkennen, hofft man, diese mit einem Schlag mittels «kontrollierter» Nuklearreaktionen ausschalten zu können; wahrscheinlich auf die selbe Art wie man anderswo eine «Justiz ohne Grenzen» mit kleinen «chirurgischen» Eingriffen einsetzt. Anstelle die «Lebensweise», die auf grenzenlosem Konsum basiert, anstatt die Diktatur einer Ökonomie, die auf Konkurrenz und somit Anhäufung und grenzenlosem Wachstum des Energieverbrauchs beruht, in Frage zu stellen, investieren die Staaten Milliarden in eine wissenschaftsgläubige Flucht nach vorn; in einen Kult der «Technologie, die auf alles eine Antwort hat». Unsere Infragestellungen dieses Kultes sind ganz sicher kompliziert, und letztendlich geht es um nichts anderes als um eine Revolution, das heißt um eine radikale Veränderung der Beziehungen des Menschen zur Natur, die nicht mehr wie ein Objekt, eine Maschine oder wie eine Macht behandelt wird, die es zu unterwerfen gilt, und der man entsprechend der modernen Wissenschaft die «Geheimnisse ausreißen muss», sondern die uns als eine Partnerin mit eigener Dynamik beim Aufbau unserer Existenz zur Seite steht. Genauso geht es um eine Veränderung der zwischenmenschlichen Beziehungen, speziell bei technologischen und institutionellen Schöpfungen, die nicht unbegrenzt hinsichtlich Strukturen und Leistung anwachsen können, ohne kontraproduktive Nebeneffekte sowie die Enteignung des sozialen Körpers von seinen elementaren Aktivitäten hervorzurufen. Dies wurde alles bereits in den 1970er Jahren analysiert, vor allem von Ivan Illich.

Im Vergleich dazu sehen wir in der Tat, dass es viel einfacher ist, ein Monstrum wie ITER zu bauen, als sich all diesen Problemen in ihrer Komplexität zu stellen.

Wenig Widerstand

Immer mehr Energie für die Maschinen und großen Strukturen, wo die menschlichen Wesen nicht mehr als ein Zahnrad im Getriebe sind, bedeutet immer weniger Macht für den Menschen, für das Individuum und schließlich für die Kollektivität, in welcher es lebt. Angesichts dieser unmissverständlichen Tatsache muss man feststellen, dass sich bis jetzt recht wenig Widerstand in der Lokalbevölkerung gegen dieses Projekt geregt hat, was nicht allein der mächtigen Propaganda zugunsten von ITER zuzuschreiben ist.

Die «Umweltschützer» schauen tatenlos zu, wie man versucht, die Sonne auf die Erde zu holen, anstatt eine effizientere Nutzung der Energie, welche uns die Sonne auf natürliche Art von oben schickt, in Angriff zu nehmen. Der Conseil Général (Regionalrat) vom Departement Alpes de Haute-Provence versprach schlauerweise diesen Grünen 152 Millionen Euros (ebenso viel wie er in ITER investiert), damit sie die erneuerbaren Energien entwickeln können und im Gegenzug die französische Atomindustrie in keiner Weise in Frage stellen. In den Rang von Co-Geschäftsleuten des produktivistischen Deliriums gehoben, fordern uns diese ITER-Grünen auf, gemeinsam mit ihnen vor Entscheidungen zu katzbuckeln, die bereits vom Staat getroffen wurden, indem sie sich ein «Alternativ-ITER» auf Basis ihrer geliebten erneuerbaren Energien vorstellen. Kurz gesagt: Sie identifizieren sich mit dem System, das sie beherrscht (und ernährt). Für sie besteht das Problem nicht darin, was mit all der produzierten Energie angestellt wird, sondern einzig und allein, ob sie sauber produziert wird. Dies trägt noch mehr zur Verwirrung in vielen Köpfen bei, die intuitiv spüren, dass ITER nichts von alledem lösen wird, was seine Initiatoren versprechen (in den letzten Jahrzehnten dienten die gentechnisch veränderten Organismen, die Gentechnik usw. dazu, den technologischen Bluff [Titel eines Werkes von Jacques Ellul] zu veranschaulichen), denn es ist eine Flucht nach vorn in den Wahnsinn, ebenso wie das gesamte ökonomische und technische System, das dazu gehört.

Denn darin liegt das Problem: ITER ist nur ein Element eines viel größeren Systems, in welches wir alle eingebunden sind, ob wir wollen oder nicht. Wenn es scheinbar für die Wissenschaftler einfacher ist, die Sonne auf die Erde zu holen, anstatt die Energie ihrer Strahlen aufzufangen, liegt dies auch daran, dass es in unserem täglichen Leben neue Bedürfnisse gibt, wie bspw. ein Auto zu haben, wenn man auf dem Land wohnt. Die industriell hergestellten Waren ersetzen mehr und mehr unsere Fähigkeit, unsere Bedürfnisse mit Hilfe lokaler Ressourcen sowie der eigenen Aktivität, verbunden mit der von anderen, zu befriedigen. Jeder spürt, dass wir leider alle schon sehr weit in dieser radikalen Entwertung der menschlichen Tätigkeit und beim Abbau der Voraussetzungen für eine Autonomie gegenüber diesem System gegangen sind. Ein Element zu kritisieren bedeutet zugleich das Gesamte in Frage zu stellen; angefangen bei der Tatsache, dass man selbst darin verstrickt ist, davon lebt.

Das Vergessen oder die Verdunkelung des Begriffs Autonomie – das Gegenteil zu allem, was das System unterstützt – ermöglicht den «Verantwortlichen», ITER als eine Maschine anzupreisen, die uns von der Abhängigkeit der Natur befreit, während sie in Wahrheit das Symbol für die monströse Unterwerfung des Menschen unter die ökonomische und technologische Riesenmaschinerie des Kapitalismus ist. Die einhellige Begeisterung der «Verantwortlichen» (seien sie gewählt oder nicht) für ein Projekt, das auf Zeit die Realisierung eines «Hors-sol-Lebens» bedeutet, erstaunt schon. Rechts wie links sind alle, die sich als «Volksvertreter» betrachten, fasziniert von der technologischen Entwicklung, die uns «befreien wird von der Arbeit» auf den Feldern und den Werkstätten, die schmutzig und mühselig ist, und der ökonomischen Entwicklung, die «Arbeitsplätze schaffen wird» in den Dienstleistungen und der Kultur, die sauber und angesehen sind. Ein sonderbares soziales Projekt mit dem scheinbaren Ziel, alle unsere Verbindungen zur Natur – außer den technologischen – zu kappen; ein Projekt, bei dem die Beziehungen zwischen den Menschen nicht mehr an die kollektiven Tätigkeiten bei der Schaffung unserer Existenz und dem Aufbau einer gemeinsamen Welt gebunden sind. Fasziniert von der Energie und den Maschinen wollen uns diese Politiker in der Welt des Absolutums leben lassen, wo Energie und Maschinen alles können. Dabei besteht die Gefahr, dass die Bedingungen für ein freies Leben zerstört und wir darauf reduziert werden, kleine Rädchen in ihren großen Kombinationen, Variablen in ihren Rechnungen und Rohstoffe für ihre Apparaturen zu sein.

Philosophie?

Jenseits all der speziellen und lokalen Gründe, ITER abzulehnen – wie etwa die Erhaltung einer gewissen Autonomie der Einwohner in dieser Region – ist es die dem ITER-Projekt zugrunde liegende «Philosophie», die es abzulehnen gilt. Sie versucht sich in der Gesamtheit der technologischen Projekte am Anfang dieses 21. Jahrhunderts zu materialisieren: Gentechnik, Nanotechnologie; elektronische Überwachungs- und Identifizierungs-systeme wie die Biometrie und dergleichen.

In diesem Zusammenhang von «Philosophie» zu sprechen, ist eigentlich gewagt, denn genau genommen ist es das Nichts des politischen Denkens, in das wir mit voller Wucht geraten sind. Schauen wir uns doch die in Frankreich und Europa demokratisch gewählten Vertreter an: Alle vereint bei der Verteidigung dieses Projektes, das, sollte es realisiert werden, auf die Negation der Demokratie hinauslaufen würde. ITER wurde entschieden, ohne die Bevölkerung zu befragen. Die französischen Behörden, bemüht ihr demokratisches Image aufzupolieren, haben danach beschlossen, eine «öffentliche Debatte» anzuberaumen, um die Bevölkerung vor Ort in die Konsequenzen des Projekts einzubinden. Einige Dutzend Widersacher wagten es, die Maskerade dieser «Debatten» aufzuzeigen, indem sie zwei Diskussionen am 26. Januar und 2. Februar 2006 störten.

Sehen wir uns einige Kommentare der Protagonisten an [2]. Zuerst Yannick Imbert, Direktor des Projekts beim Ministerium des Inneren und für Raumplanung zuständig:

«Sie sagen, dass unser vorgeschlagenes Projekt nicht legitim sei, da die Meinung der Bevölkerung fehle. Unter dem Vorbehalt jeden Tag die Institutionen und die Gesellschaft neu gestalten zu wollen, gestatten Sie mir, Sie daran zu erinnern, dass32 Nationen, 32 demokratisch gewählte Regierungen entschieden haben, an diesem Projekt teilzunehmen. Ich bin für die öffentliche Debatte und freie Meinungsäußerung eines jeden Menschen, aber nicht um den Preis einer Umkehrung unserer Institutionen.»

Es ist vielleicht nicht unbedingt notwendig «jeden Tag die Institutionen und die Gesellschaft neu zu gestalten», aber wenigstens ab und zu. Vor allem wenn man feststellt, dass die so genannt «demokratisch gewählten» Behörden die Demokratie mit Füssen treten, indem sie seit Jahrzehnten gegen den Willen der Bevölkerung eine Atomindustrie entwickeln.

Schauen wir uns den Kommentar von Christophe Castaner, Bürgermeister von Forcalquier und Vizepräsident des Bezirksrates, an:

«Der Regionalrat wurde durch einen Vertrag gewählt, den er mit den Bürgern abgeschlossen hat. Er hat klipp und klar gesagt, dass er 152 Millionen Euro zur Verfügung stellt, um dieses Projekt zu begleiten. Dies stand in seinem Programm und der Rat wurde gewählt. Ich bin der Auffassung, dass die Abgeordneten, die heute Abend hier reden, sehr wohl befugt sind, im Namen aller Bürger zu sprechen.»

Diejenigen, die nicht für Castaner gestimmt haben oder sich nicht in den Programmen der anderen Kandidaten für diesen Posten wieder finden, bleibt nichts weiter übrig als zu schweigen!

Das Gleiche wäre, zu behaupten, dass alle Leute wie Jean-Claude Chauvin, pensionierter CEA-Angestellter (CEA-französisches Atomforschungs-zentrum) und militanter Kommunist, dächten: «Eine der Konzessionen für den Erfolg des ITER-Projektes ist die soziale Akzeptanz». Das CEA mobilisiert seine Angestellten und Rentner, um an diesen «öffentlichen Debatten» teilzunehmen und somit das Terrain zu besetzen.

Scheindemokratie

Hieran sieht man, dass sie diese Demokratie in Wirklichkeit gar nicht wollen, sie verachten und sogar mehr als alles andere fürchten. Sie wahren zwar den Schein, indem sie wortgetreu die juristischen Formen respektieren, sind aber fernab von ihrer Essenz. Es ist eine Verhöhnung der Demokratie, da die «Diskussion» nur mit jenen Bürgern geführt werden soll, die sich den diktierten Bedingungen unterwerfen und welche die bereits getroffenen Entscheidungen akzeptieren. Mit einem Wort: Die anerkennen, dass nicht mehr das Volk «Souverän» ist, sondern diejenigen, die die Macht besitzen, es zum Schweigen zu bringen. Die «demokratischen Nationen» sind, wie Castoriadis sagte, in Wirklichkeit nichts anderes als «liberale Oligarchien», welche die Meinungsfreiheit unter der Bedingung akzeptieren, dass sie keine praktischen Konsequenzen hat.

Im Gegensatz zu den Ideologien, die das 20. Jahrhundert bewegten, präsentiert sich ITER als rein wissenschaftliches und technologisches Projekt, auserkoren, die Energieprobleme des Planeten zu lösen. In der Tat enthält es implizit ein soziales und politisches Projekt, das seine Wurzeln in den dunkelsten Stunden des 20. Jahrhunderts hat. Es kann in der Tat nur die dem Kapitalismus innewohnenden Tendenzen auf ihren Höhepunkt treiben.

Wenn die Menschheit heutzutage etwas braucht, dann sicherlich nicht physikalische Energie im Überfluss. Es ist vielmehr die Energie, um unser Leben in die Hand zu nehmen und dieser Machttyrannei ein Ende zu setzen.

Bertrand Louart – Februar-März 2006.

Autor und Herausgeber wissenschaftskritischer Schriften: «Notes et Morceaux choisis, bulletin critique des sciences, des technologies et de la société industrielle»,


Das Absolutum oder die Gottesfabrik

In den 1920er Jahren beginnt der tschechische Schriftsteller Karel Capek, sich für die wissenschaftlichen und technischen Neuerungen seiner Zeit zu interessieren. Sein Bruder Joseph erfindet das Wort «Roboter», das durch Karels Stück Rossum’s Universal Robots (R.U.R.) bekannt wird.

Darin behandelt er das klassische Science fiction-Thema der Revolte der Maschine gegen den Menschen. 1922 veröffentlichte er den Roman «Das Absolutum oder die Gottesfabrik». Er erzählt die Geschichte von dem genialen Erfinder, dem es gelingt, die Materie aufzulösen und mit der dadurch freigesetzten Energie einen Motor zu betreiben. Genau das geschieht sowohl bei der Kernspaltung als auch bei der Fusion. Capek stellt sich vor, dass es dabei eine sehr unangenehme Nebenerscheinung gibt: Dieser Motor strömt eine Art Geruch des Absoluten aus. Alle, die ihn riechen, beginnen, an Gott zu glauben, werden mystisch, haben Visionen, wirken Wunder usw.

Der Ingenieur erklärt dieses seltsame Phänomen folgendermaßen:

«Weißt Du, was Pantheismus ist? Es ist der Glaube, dass Gott, das heißt das Absolutum, in allem steckt, was existiert. In den Menschen und in den Steinen, im Gras, im Wasser, überall. Und weißt du, was Spinoza lehrt? Dass die Materie nur die Erscheinungsform oder ein Aspekt der göttlichen Substanz ist, der andere Aspekt ist die Seele. (…) Leibniz lehrt, dass die Materie aus spirituellen Einheiten besteht, den Monaden, welche die göttliche Substanz darstellen. (…) Aber stelle dir einmal vor, dass Gott wirklich in aller Materie steckt, dass er sozusagen eingeschlossen ist. Wenn du diese Materie auflöst, entkommt er, wie der Geist aus der Flasche. Plötzlich ist er frei. Er strömt aus der Materie wie das Gas aus der Kohle. Du verbrennst ein Atom, und plötzlich ist dein ganzer Keller voller Gott, voll von Absolutem. Es ist erstaunlich, wie schnell sich das verbreitet!»

Ein befreundeter Industrieller kauft dem Ingenieur das Patent für seinen Motor ab und startet eine Massenproduktion. Er macht riesige Profite, die Wirtschaftskrise ist dank der kostenlosen Energie für die Fabriken in zwei Wochen behoben. Doch wie der Glaube Berge versetzen kann, so durchbricht das in Massen produzierte Absolutum alle Barrieren und verbreitet sich auf der ganzen Welt. Der Religionswahn steigt und die Produktion fällt, denn alle Arbeiter beginnen zu beten und einander zu bekriegen. Um jeden Motor entsteht ein eigener Kult, der alle anderen als Ketzer ansieht und sie auffordert, sich zu bekehren. Ein weltweiter Religionskrieg droht. Die Staaten setzen ihre Armeen ein, um die Ordnung wieder herzustellen. Doch die Generäle verwandeln sich in Propheten von neuen Religionen mit Tausenden von fanatischen, bewaffneten Anhängern. Nach einer gewissen Zeit hören die Kämpfe auf, weil es keine Kämpfer mehr gibt und der mystische Fanatismus fällt in sich zusammen. Das Absolutum ist völlig aufgebraucht, die Seelen in den Himmel geflogen. Die Überlebenden verbieten diese Erfindung für immer.

In diesem Roman sind die Auflösung der Materie und die Produktion des Absolutums ein Vorwand für einen satirischen Angriff auf den Klerus, den Zynismus der Kapitalisten, die Eitelkeit der Gelehrten und den Größenwahn der Militärs und endet mit einem Aufruf zur Toleranz. Eigentlich recht klassisch für einen linken Autor zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Aber wir sehen, dass Capek mit dem Fortschrittsglauben der Linken, wie wir ihn heute kennen, nichts zu tun hat: Das Thema seiner Schriften ist die Idee, dass man nicht alles für nichts haben kann und dass maßlose Ambitionen katastrophale Folgen haben.

Bei Capek ist der wissenschaftliche, technische und industrielle Fortschritt dem seit Ewigkeiten bekannten Prinzip, das in der Mythologie aller traditionellen Gesellschaften existiert, unterworfen. Die alten Griechen waren sich dieses Prinzips bewusst und ihre Philosophie ist geprägt von dem Gedanken, dass die Aktivitäten der Menschen die Harmonie des Kosmos nicht stören sollen durch Übermaß (hybris), denn es zieht die göttliche Rache nach sich (Nemesis).

Am Ende des 15. Jahrhunderts taucht in Europa der Mythos des Dr. Faust auf, um jene zu warnen, die sich durch die Manipulation von Zeichen und abstrakten Symbolen Macht aneignen wollen. Damals sind die so genannt «exakten» Wissenschaften (Astronomie, Chemie, Medizin usw.) noch eng verbunden mit Magie, Astrologie und Alchimie (noch im 17. Jahrhundert schreibt Newton mehr über Alchimie und Theologie als über wissenschaftliche Themen). Die durch diese abstrakten Manipulationen gewonnene Macht ist unabhängig von den kollektiven Aktivitäten der Menschen und droht, ihre Gemeinschaft und Traditionen, Sitten und Gesetze, die das gemeinschaftliche Leben regeln, zu untergraben. Faust nützt seinen Pakt mit Mephisto, um Frauen, Reichtum und Prestige zu erlangen, anders gesagt, um alles für nichts zu bekommen. Er sät Ruin und Verzweiflung auf seinem Weg, bis hin zur letzten Katastrophe.

Natürlich ist das für die Befürworter von ITER nur Aberglaube und Obskurantismus: Doch auch sie versuchen, Materie in reine Energie zu verwandeln und dadurch Allmacht zu erlangen.

B.L.


[1] ITER: Internationaler Thermonuklearer Experimentalreaktor. Dieser soll die Kernfusion ermöglichen – ein pharaonisches Projekt  für vorläufig zwanzig  Jahre. Kostenpunkt: mindestens  zehn  Milliarden Euro.

[2] Auszug aus dem verbatim der Debatte vom 2. Februar 2006 in Manosque; abrufbar auf der Website von CNDP: <www.debatpublic-iter.org>.

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